von kuk-is Blogteam

Die denkende Maschine

Eine Statue von Alan Turing, am Schreibtisch sitzend
Alan Turing als Statue in Bletchley Park, England

 

Wann hat eine künstliche Intelligenz den Turing-Test bestanden?

Gehe ein paar Schritte in die Zukunft und stelle Dir einmal vor, Du wärest der/die Personalverantwortliche in Deinem Unternehmen. Hinter einer blickdichten Wand sitzen zwei Bewerber*innen. Da die Besetzung dieser Stelle besonders wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit Eurer Firma ist und ihr jede Verzerrung durch persönliche Vorlieben ausschließen wolltet, bekamst Du von deinem CEO die Weisung, das Interview mit beiden Bewerber*innen blind und taub durchzuführen. Das heißt, nur schriftlich, ohne sie zu sehen oder ihre Stimme zu hören. Nachdem Du Deine Notizen ausgewertet hast, bist Du mit dem Interview mehr als zufrieden. Besonders hat es Dir gefallen, dass eine*r der beiden selbst Fragen nach dem Job und dem Unternehmen gestellt und so Interesse gezeigt hat. Es fiel Dir zwar auf, dass die Person bei einigen Antworten kurz gezögert hat, auch stelltest Du einen gewissen Ernst fest. Doch das wertest Du eher als Nachdenklichkeit, was eindeutig Pluspunkte ergibt.

Überraschung …

Nach der Beendigung des schriftlichen Gesprächs steht für Dich fest: Ihr habt eine*n geeignete*n Kandidat*in gefunden! Diese Einschätzung teilst Du erfreut Deinem CEO mit. Er lächelt Dich an … aber nur, um dir kurzerhand zu erklären, dass Deine Firma an einem fortgeschrittenen Turing-Test teilgenommen hat – und Du Teil dieses Experiments in den Diensten der Wissenschaft geworden bist.

Mensch oder Maschine? Das ist hier die Turing-Frage.

Das bedeutet: Eine*r der Kandidat*innen war nichts anderes als ein … Roboter. Eine mit unvorstellbar vielen Daten gefütterte Maschine, deren ’Denken’ auf Künstlicher Intelligenz beruht und deren Lernfähigkeit, die jedes Menschen tausendfach übersteigt.

Wenn Du Dich fragst, was der Turing-Test denn genau sei, von dem der fiktive CEO sprach: Es ist in etwa das, was du in Deiner Vorstellung durchgespielt hast, nur nicht so weit fortgeschritten. Ein Interview zwischen einem Interviewer und zwei Gesprächspartnern, bei dem man anschließend entscheiden muss, ob das jeweilige Gegenüber ein Mensch oder eine Maschine ist. Ergebnis: Wenn man die Maschine nicht von einem Menschen unterscheiden kann, hat sie den Turing-Test bestanden.

Natürlich war unser obiges Beispiel konstruiert. Doch es gibt bereits heute smarte und selbst lernende Assistenzsysteme im HR-Bereich, die Bewerber*innen anhand Algorithmen-gesteuerter Interviewpfade selbstständig befragen und anhand ihrer Antworten eine Vorauswahl treffen. Siehe dazu z.B. den Artikel vom Deutschen Innovationspreis: Wenn KI das Jobinterview führt. Ob dies eher Vorteile oder Nachteile einerseits für Bewerber*innnen und andererseits für die anwendenden Unternehmen mit sich bringt, wird heute jedenfalls immer noch heiß diskutiert.

Wer war Alan Turing (1912 – 1954)?

Der geniale britische Informatiker, Mathematiker und Logiker gilt nicht nur als einer der ersten theoretischen Köpfe der damals heraufziehenden Computerwissenschaften. Im 2. Weltkrieg bewies er seine herausragenden Fähigkeiten als Kryptoanalytiker: Die von ihm mit entwickelte De-Chiffriermaschine Enigma trug mit dazu bei, deutsche Funksprüche zu entschlüsseln und wurde so zum wichtigen Faktor beim Sieg der Alliierten über das Nazi-Deutschland. Wenn dich dieser große Kopf nicht nur als Wissenschaftler und Number Cruncher, sondern auch als Mensch mit allem Drum und Dran interessiert, wäre vielleicht das 2014 erschienene, sehr sehenswerte Biopic „The Imitation Game. Ein streng geheimes Leben“ über das Leben Alan Turings etwas für dich.

Was sollte der Turing-Test messen? Mit welchem Anspruch trat er auf?

Berühmt wurde Turing durch den von ihm im Jahr 1950 unter dem Namen „Imitation Game“ als Idee formulierten und später nach ihm benannten „Turing-Test“. Turings Ausgangsfrage war: Angenommen, jemand behauptet, einen intelligenten Computer konstruiert zu haben – wie lässt sich diese Aussage beweisen bzw. kritisch überprüfen? Was muss der Computer können, um sagen zu können, er besitze so etwas wie Künstliche Intelligenz? Und unter welchen Bedingungen kann so etwas wie Denkfähigkeit optimal getestet werden?

Damit wurde auch schon das Ziel des Tests definiert. Seine Aufgabe bestand darin, anhand einer vorab definierten und standardisierten Gesprächssituation zu überprüfen, ob bei einer Maschine so etwas wie Intelligenz auf dem Niveau des Menschen vorhanden ist.

Der Ablauf und die Fragen des Turing-Tests

Die Testanordnung und Bedingung des Turing-Tests unterstehen einer klaren Definition. Am besten, wenn Du sie dir als ein Dreieck vorstellst. Ähnlich wie in dem fiktiven "Turing-Test"-Beispiel oben gezeigt, führt der Teilnehmer C ein – verdecktes – Gespräch mit den Personen A und B. Nach diesem Gespräch muss er entscheiden, welcher der beiden Gesprächspartner A oder B ein Computer und welcher ein Mensch ist. Verdeckt bedeutet dabei: C kann weder A noch B sehen oder hören. Um sich nicht durch Stimme und andere sinnlichen Reize beeinflussen zu lassen, ließ Turing in dem „Imitationsspiel“ lediglich die elektronische Kommunikation zu. Damals über eine Fernschreiberverbindung, heute über einen Monitor mit angeschlossener Tastatur. Es ging dem Computerpionier damit allein um die Erfassung dessen, was wir "reines Denken" nennen würden, und was in einer normalen Gesprächssituation niemals vorkommt.

Wann gilt der Turing-Test als bestanden?

Auch das hat Turing genau festgelegt. Die Definition: Den Test hat die Software dann bestanden, wenn dreißig Prozent der Testpersonen sich in einem schriftlichen ’Gespräch’ oder Chat ganze fünf Minuten lang täuschen lassen und den Computer für einen Menschen halten. Bisher kann kein Turing-Test Beispiel genannt werden, das diese Bedingung erfüllt hätte.

Starke und schwache KI – oder Turings Einfluss

Nur zwei Jahre nach Turings Tod fällt auf der berühmten Dartmouth-Konferenz der Startschuss zur Künstlichen Intelligenz als eigener Disziplin innerhalb der Computerwissenschaften. Seitdem wird Turings Test als Beispiel herangezogen, wenn es darum geht, von der denkenden Maschine zu sprechen, die dem Menschen zumindest gleichwertig, wenn nicht gar überlegen ist.

Das – bisher nicht wirklich statt gefundene – Bestehen des Turing-Tests wurde immer wieder als ein wichtiger Meilenstein für die Entstehung von Superintelligenz oder der sogenannten "Singularität" herangezogen. Gemeint damit ist die Phase in der Beziehung von Mensch und Maschine, in der die Maschine dem Menschen in allen Belangen überlegen ist.

Für die einen ist es bloß Teil des Mythos, der um die KI gesponnen wird. Für andere ist es aber eine realistische Zukunftsvision. Dies spiegelt auch die Auseinandersetzung zwischen den beiden Schulen in der Künstlichen Intelligenz wider: der starken und der schwachen KI. Wo die einen sagen, KI sei lediglich ein dienendes Werkzeug, mit dessen Hilfe bestimmte Aufgaben schneller und besser gelöst werden können, widersprechen die anderen. So glauben die Verfechter der starken Intelligenz fest daran, dass die Computerintelligenz eines Tages eine so rasante Entwicklung durchmacht, dass die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz die letzte Erfindung sein wird, die der Mensch je gemacht hat. Obwohl aus ihm hervorgegangen, hat dann Künstliche Intelligenz menschliches Denken und damit uns Menschen als Spezies endgültig ’besiegt’.

Es wäre interessant, Turings Ansichten zu hören. Ob er mit seinem Test eine solche weitreichende Diskussion entfachen wollte? Oder hätte es ihm genügt, Künstliche Intelligenz wie die Computer selbst zu betrachten: schlicht als ein weiteres Werkzeug?



Titelbild: © lenscap50; adobe.stock.com

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